StartDigital & MedienMedien & SchlagzeilenNachrichtensender kündigt „historischen Moment“ zum fünften Mal diese Woche an

Nachrichtensender kündigt „historischen Moment“ zum fünften Mal diese Woche an

Laut Sender handele es sich diesmal um einen besonders historischen historischen Moment, der historisch eingeordnet werden müsse.

Hamburg (BPD) – Ein überregionaler Nachrichtensender hat am Donnerstagvormittag erneut einen „historischen Moment“ angekündigt. Nach Angaben der Redaktion handelt es sich bereits um den fünften historischen Moment in dieser Woche, womit der Sender nach eigener Einschätzung „ein historisches Niveau historischer Verdichtung“ erreicht habe.

Die Sondersendung begann pünktlich um 9.17 Uhr mit dramatischer Musik, einem rot blinkenden Balken und der Einordnung, dass sich „die Lage jederzeit weiter historisieren“ könne. Inhaltlich ging es zunächst um eine Pressekonferenz, deren Beginn sich verzögerte, anschließend um die Frage, ob die Verzögerung selbst bereits als historisch einzustufen sei.

„Wir erleben hier möglicherweise einen Moment, der später einmal rückblickend als der Augenblick gelten könnte, in dem noch nicht ganz klar war, ob gleich etwas passiert“, erklärte Chefmoderator Rüdiger Kant im Studio. „Das verpflichtet uns zur größtmöglichen Sendungsbereitschaft.“

Sender richtet eigene Stufe für Vor-Historie ein

Um die zunehmende Zahl bedeutender Ereignisse besser verwalten zu können, hat der Sender nach eigenen Angaben ein internes Eskalationssystem eingeführt. Neben „Eilmeldung“, „Breaking News“ und „Jetzt wird es wichtig“ gibt es künftig die Stufen „historisch“, „mutmaßlich historisch“, „gefühlsgeschichtlich relevant“ sowie „noch nicht historisch, aber mit Potenzial für Bauchbinde“.

Wie das Amt für mediale Dringlichkeitsbewirtschaftung in einer begleitenden Mitteilung erklärte, sei die Maßnahme notwendig geworden, weil Zuschauerinnen und Zuschauer zunehmend Schwierigkeiten hätten, zwischen einem normalen Vorgang, einer wichtigen Entwicklung und einem „historischen Moment mit drei Experten im Split Screen“ zu unterscheiden.

„Die Bürger erwarten Orientierung“, sagte eine Sprecherin der neu eingerichteten Zentralstelle für Schlagzeilenintensität. „Und Orientierung bedeutet in modernen Nachrichtensituationen, möglichst früh zu wissen, dass man etwas sehr Bedeutendes sieht, auch wenn noch niemand sagen kann, was genau.“

Nach Senderangaben habe man in den vergangenen Monaten festgestellt, dass historische Momente immer schneller aufeinanderfolgten. Teilweise seien sie bereits beendet gewesen, bevor die Einordnungsgrafik vollständig geladen habe. Man arbeite deshalb an einem automatisierten Verfahren, bei dem Ereignisse vorsorglich als historisch markiert werden, bis das Gegenteil bewiesen sei.

Experten warten auf Ereignis

Während der aktuellen Sondersendung waren insgesamt sieben Expertinnen und Experten zugeschaltet, darunter ein Medienwissenschaftler, eine ehemalige Regierungssprecherin, ein Krisenkommunikator, zwei Menschen mit ernstem Gesichtsausdruck sowie ein Korrespondent vor einer Tür.

Der Korrespondent berichtete live aus einem Flur, in dem sich „jederzeit jemand bewegen“ könne. Hinter ihm war eine geschlossene Tür zu sehen, die nach Senderangaben „in ihrer Symbolik nicht unterschätzt werden dürfe“.

„Wir stehen hier vor einer Tür, hinter der Gespräche stattfinden oder stattgefunden haben könnten“, sagte der Reporter. „Ob diese Gespräche bereits abgeschlossen sind, demnächst beginnen oder lediglich in den Kalender eingetragen wurden, ist derzeit offen. Genau das macht die Situation so außergewöhnlich.“

Im Studio wurde daraufhin die Frage diskutiert, ob eine geschlossene Tür grundsätzlich ein Zeichen für politische Bewegung oder lediglich ein bauliches Element sei. Die Debatte musste nach zwölf Minuten unterbrochen werden, weil der Sender eine neue Bauchbinde einblendete: „Jetzt live: Gleich möglicherweise Details.“

Zuschauer sollen Bedeutung rechtzeitig spüren

Nach Angaben des Senders gehe es nicht nur darum, Ereignisse abzubilden, sondern ihre Bedeutung „frühzeitig emotional vorzubereiten“. Zuschauerinnen und Zuschauer sollten nicht erst im Nachhinein erfahren, dass etwas wichtig gewesen sei. Vielmehr müsse Bedeutung bereits vor dem Eintreten des Ereignisses verfügbar gemacht werden.

„Wir können den Menschen nicht zumuten, selbst zu entscheiden, ob ein Vorgang relevant ist“, erklärte Programmdirektorin Maren Wuchtig. „Dafür gibt es bei uns Grafiken, Studiolicht und jemanden, der sehr langsam ‚das ist bemerkenswert‘ sagt.“

Die Redaktion habe daher beschlossen, historische Momente künftig nicht mehr nur bei tatsächlichen Ereignissen auszurufen, sondern auch bei Ankündigungen, Zwischenschritten, Stimmungsumschwüngen, Personalgerüchten und ungewöhnlich langen Pausen vor Mikrofonen.

Besonders bewährt habe sich laut Sender die Formel „Jetzt könnte es entscheidend werden“. Sie sei ausreichend konkret, um Spannung zu erzeugen, aber unpräzise genug, um auch nach drei Stunden noch verwendbar zu sein.

Bundesstelle prüft Mindestabstand zwischen Eilmeldungen

Auch das fiktive Bundesministerium für digitale Entschleunigung äußerte sich zu der Entwicklung. Man beobachte mit Sorge, dass die Halbwertszeit historischer Momente inzwischen unter der durchschnittlichen Ladezeit einer Nachrichtenseite liege.

„Wenn alles historisch ist, braucht es eine Verwaltung des Außergewöhnlichen“, sagte Staatssekretär Klaus-Dieter Formblatt. „Wir prüfen deshalb einen verpflichtenden Mindestabstand zwischen zwei historischen Momenten sowie eine Voranmeldung besonders bedeutender Bauchbinden.“

Geplant sei ein bundesweites Register, in dem Nachrichtensender historische Momente künftig eintragen können. Jeder Moment soll eine Vorgangsnummer, eine Dringlichkeitsklasse und eine vorläufige Nachbetrachtung erhalten. Ein entsprechender Antrag kann ab sofort beantragt werden.

Nach Angaben aus Kreisen der Medienaufsicht soll außerdem geprüft werden, ob der Begriff „historisch“ künftig nur noch verwendet werden darf, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sind: ein Sonderlogo, ein Experte mit zusammengefalteten Händen, eine Karte mit Pfeilen, ein Moderator im Stehen oder der Satz „Wir ordnen das jetzt ein“.

Normale Nachrichten zunehmend schwer vermittelbar

Innerhalb der Redaktion gibt es unterdessen erste Sorgen, dass gewöhnliche Nachrichten kaum noch ausreichend dramatisch wirken. Ein Bericht über eine reguläre Sitzung musste am Mittwochabend kurzfristig aufgewertet werden, nachdem ein Redakteur festgestellt hatte, dass „Sitzung beginnt wie geplant“ auf dem Bildschirm nicht genügend Dringlichkeit erzeugte.

Die Meldung wurde daraufhin in „Historischer Beginn einer planmäßig erwarteten Sitzung“ geändert. Die Einschaltquote stabilisierte sich.

Auch für Wetterberichte prüft der Sender neue Formulierungen. Statt „Am Wochenende wird es wechselhaft“ soll es künftig heißen: „Deutschland vor möglicher Wetterwende im zweitägigen Zeitfenster“. Für Temperaturen über 24 Grad ist die Stufe „sommerlicher Einschnitt“ vorgesehen, bei Regen „nasse Lage mit Entwicklungspotenzial“.

„Wir wollen niemanden alarmieren“, betonte Programmdirektorin Wuchtig. „Wir möchten nur sicherstellen, dass niemand aus Versehen ruhig bleibt.“

Nächster historischer Moment bereits angekündigt

Für den Abend hat der Sender vorsorglich eine weitere Sondersendung angekündigt. Anlass ist nach bisherigen Informationen die Möglichkeit, dass jemand auf einer Pressekonferenz einen Satz sagt, der später in Ausschnitten wiederholt werden könnte.

Die Redaktion spricht von einem „historischen Moment im Entstehen“. Ob es sich tatsächlich um den sechsten historischen Moment der Woche handelt, soll eine Expertenrunde klären, die direkt im Anschluss an die Vorberichterstattung zur Nachanalyse der Einordnung stattfindet.

Der Sender weist darauf hin, dass es während der Sendung jederzeit zu neuen Eilmeldungen kommen könne, auch wenn sich die Lage nicht verändert. Dies sei kein Widerspruch, sondern Teil einer modernen Nachrichtenarchitektur.

Zum Abschluss der Vormittagssendung meldete sich noch einmal Moderator Kant mit ernster Stimme an die Zuschauer: „Wir bleiben für Sie dran. Denn was heute passiert, kann morgen schon das gewesen sein, was gestern noch bevorstand.“

Unmittelbar danach wurde die Sendung unterbrochen. Wegen eines historischen Moments in eigener Sache: Der Sender hatte erstmals seit Montag zehn Sekunden lang keine Eilmeldung ausgestrahlt.

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