StartSpezial / InvestigativUndercover im AmtUndercover im Amt: BPD-Reporter zieht Wartenummer und verliert jedes Zeitgefühl

Undercover im Amt: BPD-Reporter zieht Wartenummer und verliert jedes Zeitgefühl

Ein Selbstversuch in der kommunalen Wartezone zeigt: Nach 47 Minuten beginnt der Bürger, die Nummernanzeige als Lebensinhalt zu akzeptieren.

Neustadt (BPD) – Ein verdeckter Reporter des Bananenpolitischen Dienstes hat im Rahmen einer mehrtägigen Recherche zur inneren Zeitstruktur deutscher Verwaltungsgebäude eine Wartenummer gezogen und anschließend jedes verlässliche Gefühl für Vergangenheit, Gegenwart und Zuständigkeit verloren. Der Selbstversuch, der ursprünglich auf 90 Minuten angelegt war, musste nach Angaben der Redaktion abgebrochen werden, nachdem der Reporter auf die Frage nach dem aktuellen Wochentag lediglich „B17“ antwortete.

Ausgangspunkt der Recherche war ein Bürgeramt in einer durchschnittlich ausgelasteten Mittelstadt, dessen Name aus Gründen der Verallgemeinerbarkeit nicht genannt wird. Ziel war es, herauszufinden, was zwischen dem Ziehen einer Wartenummer und dem tatsächlichen Aufruf durch einen Schalter geschieht. Die Ergebnisse gelten intern bereits als bedeutender Beitrag zur Erforschung behördlicher Raumzeitkrümmung.

„Wir wollten wissen, ob Wartezeit im Amt tatsächlich vergeht oder nur verwaltet wird“, erklärte ein Sprecher der BPD-Rechercheeinheit. „Nach aktuellem Stand spricht vieles dafür, dass Zeit im Wartebereich nicht linear abläuft, sondern in Formularintervallen, Lautsprecherdurchsagen und kurz aufflackernden Hoffnungsmomenten gemessen werden muss.“

Nummer gezogen, Identität abgegeben

Der Reporter betrat das Gebäude nach eigenen Angaben um 8.14 Uhr, zog die Wartenummer A042 und setzte sich auf einen freien Stuhl zwischen einer Pflanze, die vermutlich bereits seit 2009 auf einen Rückschnitt wartete, und einem Bürger, der seit längerer Zeit einen Umschlag festhielt, ohne sich noch an dessen Inhalt erinnern zu können.

Bereits nach wenigen Minuten zeigte sich die erste Veränderung. Während der Reporter anfangs noch versuchte, die Abfolge der aufgerufenen Nummern logisch nachzuvollziehen, stellte er gegen 8.37 Uhr fest, dass nach A019 plötzlich C804, dann B003 und anschließend erneut A018 aufgerufen wurden. Ein anwesender Mitarbeiter erklärte auf Nachfrage, dies sei „vollkommen korrekt“, da die Reihenfolge nicht nach Nummern, sondern nach „zuständigkeitsbezogener Dringlichkeitsruhe“ erfolge.

„Eine Nummer ist im Amt kein Versprechen, sondern ein Verwaltungsvorschlag“, teilte die örtliche Koordinierungsstelle für Publikumsverkehr auf Anfrage mit. „Sie zeigt nicht an, wann jemand drankommt, sondern dass grundsätzlich geprüft wird, ob jemand irgendwann drangekommen sein könnte.“

Nach rund einer Stunde begann der Reporter, seine Nummer nicht mehr als Ticket, sondern als persönliche Kennung zu verstehen. In seinen Notizen findet sich der Satz: „Ich heiße jetzt A042. Mein früherer Name war möglicherweise beruflich relevant.“

Display ersetzt Uhr

Besondere Aufmerksamkeit widmete die Recherche der digitalen Nummernanzeige, die im Wartebereich zentral angebracht war und nach Angaben mehrerer Anwesender „schon immer gleich aussah“. Die Anzeige sprang in unregelmäßigen Abständen weiter, blieb aber gelegentlich für längere Zeit auf einer Nummer stehen, offenbar um den wartenden Bürgern Gelegenheit zur inneren Neuordnung zu geben.

Ein Sprecher des fiktiven Bundesamts für gefühlte Zuständigkeit lobte dieses Verfahren ausdrücklich. „Die Anzeige erfüllt eine wichtige psychologische Funktion“, erklärte er. „Sie vermittelt Bewegung, ohne zwingend Veränderung herbeiführen zu müssen. Das ist ein Kernprinzip moderner Verwaltung.“

Nach der dritten Stunde berichtete der Reporter von ersten Verschiebungen in seiner Wahrnehmung. Das Ticken einer Wanduhr habe er nicht mehr gehört. Stattdessen sei sein gesamtes Zeitgefühl an das kurze Piepen der Nummernanzeige gekoppelt gewesen. Ein Piepen habe sich angefühlt wie ein Vormittag. Zwei Pieptöne wie ein Quartal. Kein Piepen wie ein stillgelegtes Förderprogramm.

In einem später sichergestellten Notizblock heißt es: „Draußen existiert vermutlich noch Wetter. Hier drin gibt es nur Neonlicht und A041.“

Behörde weist Verantwortung zurück und nimmt sie vorsorglich an

Auf Nachfrage des BPD bestätigte die zuständige Pressestelle, dass Wartezeiten im Amt grundsätzlich nicht als Zeitverlust, sondern als „verwaltungsbegleitende Anwesenheitsphase“ zu verstehen seien. Diese Phase diene der mentalen Vorbereitung auf mögliche Nachforderungen, fehlende Anlagen und den Hinweis, dass man für das Anliegen eigentlich an eine andere Stelle müsse.

„Wir lassen Bürger nicht warten, wir führen sie behutsam an die Möglichkeit heran, noch nicht zuständig zu sein“, sagte ein Sprecher. „Das ist ein sensibler Prozess, der nicht durch übermäßige Geschwindigkeit gefährdet werden darf.“

Zugleich wies die Behörde den Eindruck zurück, es gebe im Wartebereich keine klaren Abläufe. Es existiere ein umfassendes System aus Nummern, Unterkategorien, Sonderaufrufen, Raumwechseln und spontanen Schalterpausen. Dieses sei allerdings „für Außenstehende nur eingeschränkt nachvollziehbar“, was wiederum der Nachvollziehbarkeit diene.

„Die Maßnahme dient der besseren Nachvollziehbarkeit bereits nicht nachvollziehbarer Prozesse“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Würden Bürger sofort verstehen, warum sie warten, entstünde möglicherweise der Eindruck, man könne den Vorgang vereinfachen.“

Bürger entwickeln eigene Ersatzgesellschaft

Im weiteren Verlauf der Recherche beobachtete der Reporter, wie sich unter den Wartenden allmählich eine eigenständige soziale Ordnung bildete. Neu eintreffende Bürger wurden von länger Wartenden mit Blicken eingestuft, Umschläge wurden gegenseitig begutachtet, und im Bereich neben dem Getränkeautomaten entstand eine informelle Beratungszone für Menschen mit Meldebescheinigung, Passfoto oder unklarer Terminbestätigung.

Ein älterer Bürger, der nach eigenen Angaben „nur kurz etwas abholen“ wollte, fungierte ab Mittag als inoffizieller Chronist des Raumes. Er führte eine Liste der bisher aufgerufenen Nummern, konnte daraus jedoch keine belastbare Prognose ableiten. „A038 war vorhin dran, aber das war eine andere Art von A“, erklärte er dem Reporter. „Man darf sich da nicht zu früh freuen.“

Eine junge Mutter berichtete, ihr Kind habe im Wartebereich zuerst laufen gelernt, dann eine realistische Einschätzung kommunaler Abläufe entwickelt und schließlich beschlossen, später nicht in die Verwaltung zu gehen. Die Behörde wertete dies als Erfolg der politischen Bildung.

Reporter wird selbst Teil des Vorgangs

Gegen 13.22 Uhr wurde der Reporter schließlich aufgerufen, allerdings nur akustisch und möglicherweise in einen anderen Flur. Da die Anzeige gleichzeitig C112 zeigte, blieb unklar, ob es sich um seinen tatsächlichen Aufruf, einen technischen Schattenaufruf oder eine Erinnerung an frühere Zuständigkeiten handelte.

Beim Versuch, sich an Schalter 4 zu melden, wurde er darauf hingewiesen, dass seine Nummer zwar grundsätzlich gültig, aber „thematisch nicht ausreichend vorbereitet“ sei. Er müsse zunächst eine neue Nummer ziehen, um bestätigen zu lassen, dass die alte Nummer gezogen worden sei.

„Das ist kein Rückschritt“, erklärte der zuständige Sachbearbeiter. „Es handelt sich um einen vorgelagerten Abschluss des ursprünglichen Beginns. Danach können wir prüfen, ob der eigentliche Vorgang überhaupt eröffnet werden kann.“

Der Reporter zog daraufhin Nummer D017 und setzte sich erneut. Ab diesem Zeitpunkt sind seine Notizen schwer lesbar. Mehrfach taucht die Formulierung „Ich warte, also bin ich vielleicht zuständig“ auf. Gegen 15.08 Uhr markierte er den Getränkeautomaten als „einzige funktionierende Ausgabestelle“.

Reform geplant: Warten soll künftig transparenter dauern

Als Reaktion auf die BPD-Recherche kündigte die Zentralstelle für Formularwesen an, die Wartebereiche bundesweit weiterentwickeln zu wollen. Geplant sei ein neues „Transparenzkonzept Wartezeit 2030“, bei dem Bürger bereits beim Betreten des Gebäudes eine realistische Einschätzung erhalten, in welchem emotionalen Zustand sie das Amt voraussichtlich wieder verlassen.

Dazu sollen künftig farbige Wartezonen eingeführt werden: Gelb für vorsichtige Hoffnung, Orange für beginnende Zuständigkeitszweifel, Rot für fortgeschrittene Dokumentenunsicherheit und Grau für Bürger, die nur noch aus Gewohnheit sitzen bleiben.

Außerdem prüft das Bundesministerium für digitale Entschleunigung eine App, mit der Bürger ihre Wartezeit live verfolgen können. Die App soll anzeigen, dass sich der Vorgang „in Bearbeitung“ befindet, unabhängig davon, ob dies der Fall ist. Bei längerer Untätigkeit wird automatisch eine beruhigende Push-Nachricht verschickt: „Bitte bleiben Sie geduldig. Ihr Anliegen ist uns innerhalb der üblichen Nichtzuständigkeit wichtig.“

Ein entsprechender Antrag kann ab sofort beantragt werden.

Rückkehr in die Außenwelt nur mit Nachweis

Am Ende des Selbstversuchs konnte der Reporter das Gebäude nach insgesamt sieben Stunden verlassen. Allerdings nur, weil ein Mitarbeiter ihn darauf hinwies, dass der Wartebereich um 16 Uhr schließe und alle noch wartenden Personen gebeten würden, ihre Anwesenheit am Folgetag erneut zu beginnen.

Draußen zeigte sich der Reporter zunächst irritiert über natürliches Licht, bewegliche Menschen ohne Wartenummer und die Tatsache, dass Autos offenbar ohne vorherigen Aufruf fahren dürfen. Auf die Frage, was ihn während der Recherche am meisten überrascht habe, antwortete er nach längerer Pause: „Dass ich irgendwann nicht mehr wissen wollte, wann ich drankomme. Ich wollte nur noch wissen, ob die anderen es vor mir schaffen.“

Die Redaktion des Bananenpolitischen Dienstes prüft derzeit, ob der Reporter seinen ursprünglichen Auftrag abgeschlossen hat. Eine abschließende Bewertung ist jedoch erst möglich, sobald geklärt wurde, ob seine Wartenummer noch aktiv, bereits verfallen oder inzwischen an eine nachgeordnete Stelle weitergeleitet wurde.

Zuständig ist zunächst niemand, perspektivisch aber alle.

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